„Mitschülerin KI“ – Zu Gast bei Ö1 Moment

Ich bin ein großer Ö1-Fan. Umso mehr hat es mich gefreut, dass Journalist Noel Kriznik mich für die gestrige Ausgabe von Ö1 Moment im Unterricht am GRG 15 Auf der Schmelz begleitet hat. Die 25-minütige Sendung trägt den Titel „Mitschülerin KI – Wie künstliche Intelligenz den Schulunterricht verändert“ und geht einer Frage nach, die mich täglich beschäftigt: Was passiert, wenn KI-Tools zum ständigen Begleiter von Schüler:innen werden – und wie sollten Lehrpersonen darauf reagieren?

Vom derstandard-Text zu Ö1

Die Sendung kommt für mich zu einem spannenden Zeitpunkt. Erst vor einer Woche habe ich auf derstandard.at einen Text veröffentlicht, der sich als einer der meistdiskutierten und meistgeklickten Beiträge der letzten zwei Jahre herausgestellt hat: „Ich habe eine App gebaut. Ich kann nicht programmieren.“ Darin beschreibe ich, wie ich mit Vibe Coding – also dem Erstellen von Software durch natürlichsprachige Anweisungen an eine KI – interaktive Lern-Apps für meinen Unterricht baue. Ganz ohne Programmierkenntnisse, in weniger als einer Stunde. Im Artikel beleuchte ich aber auch die Schattenseiten: Sicherheitslücken im KI-generierten Code, die Gefahr, dass Schüler:innen nie wirklich programmieren lernen, und die Tatsache, dass ein hübsches Tool nicht automatisch ein gutes Lerntool ist. Dass der Text so viel Resonanz erzeugt hat, zeigt mir: Das Thema trifft einen Nerv. Die Ö1-Sendung setzt genau dort an.

Worum es in der Sendung geht

Noel Kriznik hat mich im Unterricht besucht und mit meinen Schüler:innen gesprochen. Entstanden ist ein differenziertes Bild: Ein Schüler berichtet, wie er mit ChatGPT Vokabelkarten erstellt und Texte verbessert – betont aber, dass er Aufsätze bewusst selbst schreibt. Meine Maturant:innen Gregor und Marina warnen davor, dass eigenständiges Denken verloren geht, wenn man jede Frage an die KI delegiert. Und eine Schülerin erzählt, dass eine Freundin ChatGPT gefragt hat, ob sie lieber zu McDonald’s oder zum Waffelladen gehen soll – nicht aus gesundheitlichen Gründen, sondern weil sie sich schlicht nicht entscheiden konnte.

Mein Zugang

Rund 90 % meiner Unterrichtseinheiten entstehen mit irgendeiner Form von KI-Unterstützung – ob beim Strukturieren von Gedanken, beim Sammeln von Ideen oder beim Erstellen von Materialien. Wenn Schüler:innen mich fragen, ob ein Arbeitsblatt KI-generiert ist, sage ich offen: Ja, KI hat mir dabei geholfen. Transparenz ist für mich nicht verhandelbar.

Gleichzeitig sehe ich meine Rolle klar: Lehrpersonen sind keine Detektiv:innen. KI-Detektionssoftware ist zu unzuverlässig, die Gefahr von False Positives real. Stattdessen geht es darum, Rahmenbedingungen zu schaffen: Wer KI nutzt, muss den Einsatz dokumentieren. Reine Texthausübungen für daheim gibt es bei mir nicht mehr – in der Oberstufe setze ich auf multimodale Formate und stärkere Gewichtung der mündlichen Mitarbeit.

Fellofish: Prozess statt Endprodukt

Ein konkretes Beispiel, das ich in der Sendung zeigen konnte, ist der Einsatz von Fellofish im Englischunterricht – ein datenschutzkonformes Schreibtool aus Deutschland. Schüler:innen verfassen eine Erstversion, erhalten KI-gestütztes Feedback basierend auf Kriterien, die ich vorher festlege, und überarbeiten dann ihren Text. Das Entscheidende: Ich sehe den gesamten Prozess – erste Version, Feedback, zweite Version. Das ist die Richtung, in die sich Bewertung entwickeln muss: weg vom reinen Endprodukt, hin zur Sichtbarkeit des Lernwegs.

Was es jetzt braucht: Haltung

KI verschwindet nicht, wenn wir wegschauen. Lehrpersonen müssen das Thema aktiv ansprechen und den Einsatz begleiten – nicht als Überwacher:innen, sondern als Wegbegleiter:innen. Gleichzeitig brauchen wir den Mut, bewusst Räume ohne Digitalität zu schaffen. Und wir müssen eine Entwicklung ernst nehmen, die mir zunehmend Sorgen macht: Kinder, die ihre Probleme lieber einem Chatbot anvertrauen als Gleichaltrigen.

Danke

Danke an Noel Kriznik und das gesamte Ö1-Moment-Team für die spannende und respektvolle Gestaltung dieser Sendung. Es war mir eine Freude, dabei sein zu dürfen.

Die Sendung ist auf oe1.orf.at nachhörbar.